Die Doppelkapelle hoch über Landsberg bei Halle

Egal, aus welcher Himmelsrichtung man nach Landsberg im
Saalekreis fährt, die romanische Doppelkapelle ist nicht zu übersehen. Mit
heller Fassade und markantem Dach hebt sie sich ab, vom Dunkel des Porphyr und
dem Grün der Bäume. Kunsthistoriker schwärmen von ihr, Brautpaare schätzen sie
als Hochzeitslocation und Luther soll hier einmal mit seinen Söhnen übernachtet
haben.
Die Doppelkapelle St. Crucis ist ein beliebtes Ziel auf der
Straße der Romanik, gehört zur Fürstenstraße der Wettiner und steht am
Lutherweg. Eines Sonntags stieg auch ich hinauf auf den Kapellenberg von
Landsberg und ließ mich durch die historische Kapelle führen. Dabei erfuhr ich
aus fachkundigem Mund so manch Interessantes, warum die Kapelle „doppelt“ ist,
was sie so besonders macht und welch bewegte Geschichte sie hinter sich hat.
Die sonntägliche Führung übernahm Herr George vom
Bernhard-Brühl-Museum, der, glaub ich, alles über die Kapelle weiß und
begeistert darüber spricht. Bis zu jenem Tag hatte ich mir keine Gedanken
gemacht, warum dieses mittelalterliche Bauwerk dort steht und warum es
Doppelkapelle heißt. 

Die Definition des Bautyps Doppelkapelle habe ich so
verstanden:

Man nehme vier durchgehende Säulen, baue eine Kapelle, setze
eine zweite Kapelle darüber und lasse ein „Loch“ in der Zwischendecke. Jeder
Etage fügt man einen eigenen Eingang zu. Wenn dieser dann auch noch kompakte
Maße aufweist, also Höhe, Breite und Tiefe gleich sind, dann hat man eine
Doppelkapelle geschaffen.

Von der Abteikirche zur Herrschaftskirche einer mächtigen
Burg

Alles begann etwa im Jahr 1136. Konrad von Wettin ließ eine
Abteikirche auf dem Burgberg von Landsberg errichten. Etwa 30 Jahre später baute
Dietrich III. eine mächtige Burg auf die große Bergkuppe und die kleine
Basilika stand plötzlich im Burghof der Markgrafenburg. Dort empfahl sie sich
geradezu als Burgkapelle – nur sie gehörte dem Stift Petersberg.
Also handelte der Markgraf mit dem Kloster einen großzügigen
Tausch aus und gab die Gützer Pfarrkirche gegen das Kirchlein auf dem Berg her.
So wurde die Basilika zur Eigenkirche der Wettiner und musste nur noch zur
Doppelkapelle umgebaut werden – aber warum?
In der oberen Kapelle

Warum musste es eine Doppelkapelle sein?

Inzwischen residierte Konrad von Landsberg auf der Burg. Er
war seinerzeit ranghöchster Fürst im Hause Wettin und brauchte eine echte
Herrschaftskirche. Schon damals galt der Grundsatz vor Gott sind alle gleich
und eine Kirche für den Sonntagsgottesdienst musste jedermann zugänglich sein.
Jeder Gläubige sollte Gottes (des Priesters) Wort hören und Weihrauch empfangen
können. Dennoch wollten die Herrscher nicht beim gemeinen Volke sitzen. Die
Doppelkapelle machte Ständetrennung und gemeinsamen Gottesdienst möglich. 

Eine Kirche – drei Eingänge

Portale der Doppelkapell
Landsberg
Genau wie früher das freie aber einfache Burgvolk betraten
wir Besucher den altehrwürdigen Innenraum durch das Nordportal. Ursprünglich
hatte die Doppelkapelle Landsberg einmal drei Eingänge. Schräg über dem
jetzigen Eingang ist noch das zugemauerte Portal des Adels zu sehen, das
unfreie Volk kam durch ein Südportal. 


Romanische Baukunst

Eigentlich hatte ich glanzvolle Pracht erwartet, statt
dessen umgibt mich schlichte Schönheit – „erhaben“ ist wohl ein treffendes Wort
dafür. Vor einigen Jahren wurde die Doppelkapelle von Landsberg sorgfältig
restauriert. Die Sanierer haben versucht das Ursprüngliche der
mittelalterlichen Bauweise herauszuarbeiten und zu bewahren. Lediglich die Böden
stammen aus dem 19. Jahrhundert und die romanischen Sandsteinbögen, Säulen und
Wände kommen gut ohne farbigen Anstrich aus.

Blick nach oben

                                                         

                                                                                     
Wir stehen auf der unteren Ebene des 13x13x13 Meter
großen Kultraumes und können durch den Raumschacht, vorbei an der oberen Kapelle,
bis zur Kreuzgewölbedecke hinaufschauen. Für ihre einzigartige Raumaufteilung
und vor allem die reich verzierten Kapitelle ist die Landsberger Doppelkapelle
berühmt. Tatsächlich sind die Pfeiler- und Säulenkapitelle wie ein plastisches
Bilderbuch des Mittelalters anzuschauen. Jedes ist anders verziert, ich sehe
Ornamente, Blumenschmuck und allerlei Figuren, zwei der Plastiken könnten sogar
das Stifterehepaar darstellen.

Blick in die untere Kapelle

Blutsäule, Kreuzessplitter und Schnitzaltar in der
Doppelkapelle

Damit die Edlen im Mittelalter unbehelligt in die
Doppelkapelle kamen, hatten sie ja ein eigenes Portal auf dieser Ebene. Es war
über eine hölzerne Galerie direkt mit den Kemenaten verbunden. Doch die
Wohnräume der Burg sind verschwunden, also nutzen wir das Treppenhaus, um in
die obere Kapelle zu gelangen. Oben bekomme ich, doch noch etwas goldene Pracht zu sehen, den
Schnitzaltar. Diesen Altar konnten die Gläubigen im Mittelalter jedoch nicht
anbeten, denn er kam erst um 1732 nach Landsberg.
Gotischer Schnitzaltar von Stephan Hermsdorf

Eine Säule der Oberkapelle ist aus rotem Marmor und als
Blutsäule bekannt. Der Sage nach hat sie einmal an Karfreitag Blut geschwitzt.
Herr George liefert uns eine physikalische Erklärung für dieses Phänomen: Es
braucht viele bitterkalte, frostige Tage, damit die feuchte Luft im Sandstein
gefriert. Bricht dann ganz plötzlich Tauwetter an, erwärmt sich der Raum, das
Wasser in den Sandsteinsäulen und Bögen taut auf. Nur der Marmor ist noch kalt
und die Luftfeuchtigkeit kondensiert an der rötlichen, kühlen Oberfläche – die
Blutsäule schwitzt. Es heißt, die Marmorsäule schenkte der Papst dem Markgrafen
Dietrich III. als, dieser mit Barbarossa auf den Italien-Feldzügen unterwegs
war.

Damals soll auch ein Splitter vom Kreuze Jesus mit nach
Landsberg gekommen sein, das Reliquienfach in der oberen Kapelle ist heute noch
zu sehen. Der heilige Splitter lockte viele Gläubige nach Landsberg und brachte
der Doppelkapelle den Namen Sanctae Crucis ein.

Zufluchtsstätte und Ausstellungsräume über der Kapelle

Wir erklimmen eine weitere Treppe und kommen in das dritte
Geschoss des Bauwerkes. Offensichtlich diente es profanen Zwecken. Es ist mit
allem ausgestattet, was mittelalterliche Bewohner so brauchten, ein Kamin ist
da, der Aborterker ist noch erkennbar, neben dem großen Raum sind zwei kleinere
Gemächer abgeteilt. Allem Anschein nach war diese Wohnung der letzte
Zufluchtsraum der fürstlichen Familie und dieser war auch nötig.
Längst schon haben wir Besucher uns gefragt, wo denn die so
wichtige Reichsburg geblieben ist, der die Doppelkapelle angehörte. Natürlich
kann Herr George diese Frage ausführlich beantworten: 

Wo ist die Burg Landsberg geblieben?

Im Laufe der Zeit wechselten die Herrscher auf der Burg, ab
1354 waren die Schenken von Landsberg Burgherren. Ein Erbstreit unter diesem
Geschlecht läutete das Ende der Burg ein, denn 1508 fühlte sich Schenk Otto,
Herr von Landsberg bei der Erbaufteilung benachteiligt. Er brach eine Fehde vom
Zaun, die sich gegen die Landesherren (die meißnersche Linie der Wettiner)
richtete.
Das konnten sich die sächsischen Herzöge nicht bieten lassen und sie verhängten die Reichsacht über die Burg Landsberg. Im Jahr 1514 wurde die Burg dementsprechend gründlich geschleift. Verschont wurde die Doppelkapelle, vermutlich weil sie ja noch immer eine Eigenkirche der Wettiner war. Die Markgrafenfamilie konnte nur ihr Leben retten und fand Zuflucht im dritten Obergeschoss der Kapelle. 

So mancher Stein der ehemaligen Burg dürfte in den
Fundamenten und Kellern der mittelalterlichen Häuser Landsbergs verbaut wurden
sein. Auf dem Berg selbst finden sich von der Burganlage nur kleine Reste und
die romanische Doppelkapelle.
Es geht noch ein paar Treppenstufen weiter rauf ins
Dachgeschoss, der Ausstieg aufs Dach ist noch heute durch zwei Kupferluken
möglich, der Ausblick dort ist grandios. Unterm Dach sind interessante Exponate
zur Burggeschichte ausgestellt. Darunter ein Burgmodel aus dem Jahr 1985, daran
kann ich nachvollziehen, wie die Burg einmal ausgesehen haben könnte.
Gebaut hat das Model der Heimatforscher Gottfried Sehmsdorf und Gunter George war für die farbliche Gestaltung zuständig. Nach diesem Model stand die Doppelkapelle aber nicht so weit am Rand des Berges wie heute. Früher waren Berg und Bergkuppe wesentlich größer. Doch Porphyr ist ein begehrtes Baumaterial. Also wurde auch am Kapellenberg Jahrzehnte lang Stein abgebaut.     
Das Felsenbad Landsberg unterhalb der Doppelkapelle

                                                                                                                                                        Diesem Steinbruch verdankt Landsberg Felsenbühne und Felsenbad, aber das ist
ein anderes Thema.

Weitere Informationen zur romanischen Doppelkapelle
Landsberg

Mehrere Wege führen auf den Berg, wer mit dem Auto
kommt, findet am Bernhard-Brühl-Museum in der Hillerstraße einen Parkplatz. Dort beginnt dann auch
ein gemächlicher breiter Spazierweg auf die Bergkuppe. Der seitliche, steile
Pfad durchs Gras und über den erstarrten Lavafluss gefiel mir allerdings
besser.

Öffentliche Führungen werden an den Samstagen und Sonntagen
von Mai bis Oktober angeboten. Außerdem finden ganzjährig Konzerte, Lesungen
und Ähnliches in den altehrwürdigen Mauern statt. 
Natürlich kann man sich in der Kapelle taufen, konfirmieren und trauen lassen. Das Standesamt Landsberg bietet Trauungen in der Doppelkapelle an, wer kirchlich getraut werden möchte, wendet sich an das Ev. Pfarramt Landsberg.  

Dies ist mein Beitrag zum Projekt txt. Dominik Leitner hat das Wort Acht vorgegeben – die Reichsacht über Burg Landsberg passt da gut dazu.

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