Stadtbummel durch Salzwedel in der Altmark


Salzwedel ist Baumkuchenstadt, Hansestadt, hat einen krummen
Kirchturm sowie die älteste Apotheke der Altmark und ist überhaupt sehenswert.
Nicht ohne Grund führen die Straße der Romanik und die Deutsche Fachwerkstraße
durch die altmärkische Stadt. Auf meinem Weg ins Wendland bot sich ein Besuch
in Salzwedel geradezu an, schließlich liegt die alte Handelsstadt kurz vor der
Landesgrenze zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen.

Stadtbesichtigungen mache ich gern mit dem Fahrrad, damit hab ich eine größere Reichweite und schone die Füße. Neugierig rolle ich also ab Bahnhof Salzwedel in Richtung Altstadt, ganz ohne Plan lasse ich mich treiben.

Erster Halt gilt der Katharinen-Kirche, beziehungsweise den gewaltigen Bäumen davor.

Vor der Katharinenkirche Salzwedel

Der älteste dieser alten Baumriesen ist wohl die Winterlinde, die
ein Küster im Jahr 1761 gepflanzt hat. 

Backsteingotik und Fachwerk in Salzwedel

Die Kirche ist ein stattlicher Vertreter der Backsteingotik,
für die Salzwedel bekannt ist. Mit Blick auf die benachbarten Häuschen wird mir
klar, warum die Deutsche Fachwerkstraße auch nach Salzwedel führt. Von hier an
reihen sich die Fachwerkhäuser aneinander. Deren Bewohner lieben offenbar Blumen, die auch an diesem Oktobertag üppig blühen. Blumenkästen hängen an den Fenstern, zwischen den Pflastersteinen der Fußwege gedeihen Rosenstöcke, Efeu rankt aus Dachrinnen die Hauswände herab

Gemächlich holpere ich über das steinige Pflaster alter Gassen, das sich mit asphaltierten Passagen abwechselt. Jahrhunderte lang haben Fuhrwerke Fahrspuren in den Altstadtgassen hinterlassen, wie die Rillen in der Zufahrt zu „Steinhöfels Wassermühle“ zeigen. Die ehemalige Stintmühle blickt auf eine lange Geschichte zurück, ist jedoch nur am Tag des offenen Denkmals zu besichtigen.
Stintmühle in Salzwedel
.
Also radle ich weiter, biege in die Steintorstraße ab, um
das Steintor näher zu betrachten. Seit 1530 betraten Besucher den Norden der
Stadt durch das Steintor, ob diese wohl von dem verzierten Giebel ebenso
beeindruckt waren wie ich? 
Schönes Überbleibsel der Stadtmauer, langsam rolle
ich drunter durch, überquere die Dumme, einen der beiden Flüsse im Stadtgebiet.
Gleich hinter dem alten Stadttor, direkt am Straßenrand steht die ehemalige
Friedhofshalle des Neustädter Wallfriedhofs. Dort stelle ich mein Rad ab,
während ich die verwitterten Grabblatten inspiziere und Fotos mache.

Nysmarkt in Salzwedel

Zwar sind zahlreiche Fotomotive nun von Schau- und Verkaufsbuden
verstellt, doch ich freue mich über das bunte Treiben. Klar, in diesem Fall
bummelt es sich ohne Fahrrad entspannter, Fahrradständer gibt es ja jede Menge
zur Auswahl. Stadtbesichtigen macht Hunger, ich gönne mir eine große Tüte voller
hauchdünn geschnittenen, frisch frittierten Kartoffelscheiben – lecker. In der
Stadtinformation unterhalb des weißen Rathausturmes hole ich mir einen
Innenstadtplan und einige Infoblätter. Nach einem Brand blieb von dem
Neustädter Rathaus nur dieser Turm über. Ich könnte jetzt seine Treppen zu dem
Aussichtspodest hinaufsteigen, der klare Himmel verspricht grandiose
Aussichten, ich tue es aber nicht.
Blick auf den Neustädter Rathausturm Salzwedel
Statt dessen schwinge ich mich wieder auf mein Rad und rolle
weiter, schließlich will ich noch viel sehen. Zum Beispiel das Ritterhaus, einen
Fachwerkbau aus dem Jahr 1596, an dessen Eingang zwei geharnischte Ritter zu
sehen sein sollen. 
In einer Seitenstraße entdecke ich diesen 
ehemaligen Getreidespeicher mit gut erhaltenen Flaschenzügen
und Ladebalkonen.
Eine Zeit lang betrieben zwei Geschäftsleute darin eine Ölmühle, außerdem diente das Gebäude bis 1991 als Lagerhaus, vielleicht wird ja einmal ein Hotel daraus.
Ich suche das prächtige Gebäude der Löwenapotheke, die als
älteste Apotheke der ganzen Altmark gilt und bewundere die Gerichtslaube
daneben gleich mit.
An der Straßenecke schräg gegenüber beherrscht ein typisch
norddeutscher Backsteinbau mit Staffelgiebeln die Szenerie. Im Mittelalter
kreuzten sich hier zwei wichtige Handelsstraßen, genau der richtige Platz für
ein repräsentatives Rathaus. Heute beherbergt das 1509 erbaute Altstädter
Rathaus das Amtsgericht.
Altstädter Rathaus Salzwedel

Warum der Kirchturm der Marienkirche krumm ist

Nächster Halt ist der kleine Platz zwischen Marienkirche und
Propstei, hier gibt es einiges zu sehen. Mein Rad parkt unter einem herrlichen
Baum, während ich fotografiere. Ich stehe an der ältesten Kirche der Stadt,
deren sagenumwobener Turm ein Wahrzeichen Salzwedels ist. Auf dem mächtigen
Turmsockel aus romanischer Zeit ragt der Kirchturm rund 80 Meter weit in den
Himmel der Altmark. 
Diese Größe soll einst dem Riesen Jahn Kahle gar nicht gefallen haben. 
Sein sagenhafter Steinwurf zerstörte den Kirchturm nicht, verformte ihn aber und die Marienkirche hat seitdem einen gekrümmten Turm
Die Kluhs heißt soviel wie
 ” die Verschlossene”
Der krumme Kirchturm in Salzwedel

Wesentlich kleiner, doch hübsch anzusehen, ist „Die Kluhs“ an der anderen Seite des Platzes. Das zweistöckige Fachwerkhaus sieht aus wie ein alter Speicher. Tatsächlich, so lese ich später, lagerte die Kirche darin die Naturalsteuern. Geschätztes Baujahr der Zehntscheune ist 1490. Damit gilt sie als ältestes, weltliches Bauwerk der Stadt, das noch intakt ist.

Propstei mit dem Johann-Friedrich-Danneil-Museum

Wenige Schritte weiter gefällt mir ein Fachwerkbau auf
andere Art, mit vielen große Fenstern, geraden Balken und einem dicken Turm an
der Fassade. Ich befinde mich auf dem Areal der ehemaligen Propstei, so steht
es auf dem Infoschild an der Mauer. Nach der Reformation erwarb die Familie des
letzten Propstes, Levin I. von der Schulenburg, das Anwesen. 
Dessen Sohn
Albrecht IV. ließ dieses mehrstöckige Fachwerkschlösschen erbauen und
vorhandene Gebäudeteile des alten Amtssitzes mit einbeziehen. In dem außen
angebauten Turm befindet sich das Treppenhaus, bis heute sind die oberen Etagen
nur über den Treppenturm erreichbar. Die Adelsfamilie von der Schulenburg besaß
das Gebäude bis 1928, inzwischen gehört es der Stadt und beherbergt das
Heimatmuseum Johann-Friedrich-Danneil.
ehemaliger Wohnsitz der Adelsfamilie von der Schulenburg

Parkanlagen in der Stadt

Offensichtlich führt ein schmaler Weg von der Propstei in
den Park des Friedens, also steige ich wieder aufs Rad und folge den Wegweisern
ins Grüne, zum Tierpark Salzwedel. Der Eintritt ist frei, füttern verboten. Jetzt
möchte ich noch in den Burggarten, zwei freundliche ältere Damen weisen mir die
Richtung, ich soll am Pfefferteich entlangfahren. Eine Gruppe Gänse hat
offenbar das selbe Ziel und spaziert schnatternd vor mir her. Den Pfefferteich
verdanken die Salzwedeler übrigens, der Sage nach, ebenfalls dem erwähnten
Steinwurf des Riesen Jahn Kahle.
Vermutlich liegen die Wurzeln der Hansestadt im Burggarten.
Schließlich muss die Burg Salzwedel 1112 schon gebaut und besiedelt gewesen
sein, als Kaiser Heinrich V. sie mit seinen Truppen belagerte. Von hier aus
entwickelte sich die Altstadt, mehr als 100 Jahre später wurde nordöstlich
davon die Neustadt gegründet. So existierten innerhalb der Salzwedeler
Stadtmauer jahrhundertelang zwei eigenständige Ortschaften, mit jeweils eigenem
Rathaus. Erst 1713 einte der Landesherr Altstadt und Neustadt zu einer Stadt. Mitten
im Burggarten steht noch der dicke Bergfried als letzter Rest der Burg
Salzwedel, deren Wohngebäude wurde 1899 gesprengt. Das Burggelände ist nun ein
Park mit Resten der Wehrmauer, breiten Wegen und alten Bäumen. 

Am Puparschbierbrunnen in der Burgstraße

Es ist schon Nachmittag, ich habe Kaffeedurst und verlasse
den Burggarten am Ausgang Burgstraße, direkt beim „Puparschbierbrunnen“ – es
gibt ihn also wirklich. Offenbar nahmen die alten Bierbrauer Salzwedels das
deutsche Reinheitsgebot ernst. So schickten sie den Stadtschreier los, bevor
sie Wasser zum Brauen aus der Jeetzel entnahmen, damit er die Bürger
informierte. Seine Worte sind beim Puparschbierbrunnen verewigt. 
Der Spruch auf dem Schild geht so:
“Allen wird bekanntgemacht, dass keiner in die Jeetze – kackt.
Denn morgen wird gebraut”

Zum Abschluss ein Stück Baumkuchen

Nicht weit entfernt lockt mich ein Schild zu Kaffee und
Baumkuchen in ein kleines Café der Baumkuchenmanufaktur Hennig. Ich kann ja die
Stadt nicht verlassen, ohne den Echten Salzwedeler Baumkuchen zu kosten. 
Die
Ladeneinrichtung scheint aus den Anfängen der Baumkuchenzeit zu stammen, der
Kuchen selbst ist frisch und köstlich. Keine zehn Sitzplätze hat das Lädchen,
ich wähle einen Sessel, bekomme den Kaffee in einer Sammeltasse serviert und
genieße die hellen und dunklen Baumkuchenstückchen. 
Ob der lockere Kuchen wohl
die weitere Fahrradfahrt übersteht? Ich riskiere es und lasse mit eine Scheibe
abschneiden.

Dann wird es Zeit für mich, ich verlasse die Stadt in
Richtung Norden, fahre auf dem Radweg an der B 248 entlang bis Lüchow und
weiter ins Rundlingsdorf Lübeln. Dort, im Kartoffelhotel, ist ein Zimmer für
mich vorbereitet.

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