Unterwegs im Europa von 1990

Im ersten Frühjahr nach dem Mauerfall war ich im Reisebus
nach Österreich unterwegs. Es ging immer die A9 entlang in Richtung Süden,
vorbei an verlassenen Grenzkontrollhäuschen, durch Bayern. 
Der Kontrast war damals noch gewaltig, hinter der ehemaligen
Grenze waren die Wiesen und Felder viel grüner. Irgendwann, nach München, wurde mit
klar: Dort in der Ferne türmen sich keine skurrilen Wolken auf, das sind echte
schneebedeckte Berge.
Wir erreichten die ellenlange Fahrzeugschlange am
Grenzübergang Kiefersfelden-Kufstein, jetzt war warten angesagt. Der Busfahrer
sammelte unsere Personalausweise ein, um sie gesammelt am Kontrollpunkt
vorzulegen. Damit waren wir Busreisenden echt im Vorteil, den PKW Insassen
gegenüber.
Doch für deren Leid hatte ich zunächst keinen Blick. Als ich,
dem Busfahrer folgend, aus dem Bus stieg, war ich geflasht von der Felswand,
die sich vor mir aufbaute. Ich musste den Kopf weit in den Nacken legen, um
ganz nach oben zu schauen, wo unter herrlich blauem Himmel bunte Gleitschirme
schwebten.
Die wenigsten von denen, die in den Westautos saßen, schon
gar nicht die LKW-Fahrer nahmen die faszinierende Landschaft zur Kenntnis. Sie
wollten nur endlich über die Grenze, möglichst ohne den Kofferraum ausräumen zu
müssen. Schon nach einer knappen Stunde durften wir weiterfahren, allerdings
hielten wir nach ein paar hundert Metern erneut, an der Wechselstube. Wer es zu
Hause noch nicht getan hatte, konnte jetzt ein paar DM in österreichische
Schillinge tauschen.
Obwohl ich seither schon oft in den Alpen war und auf Berge
gestiegen bin, krieg ich heute noch Gänsehaut, wenn ich an diesen Tag denke.
Diese Almen voller Kühe, Berge und Täler wie gemalt, Häuser mit Blumen behangen
– ich dachte, das gibt es nur auf Postkarten, oder in schwarz-weißen
Heimatfilmen.
Dann Mayrhofen, über der Straße und meinem Kopf schwirrten
die Gondeln der Seilbahnen. Nie im Leben würd ich da einsteigen, meinte ich
damals noch. Niedliche Läden voller potenzieller Mitbringsel und ich kam mit
diesem „Währung-umrechnen“ überhaupt nicht klar. Als es dunkel wurde im
Zillertal, sah ich, anhand der Lichter, dass dort oben, auf den Bergen Häuser
standen und Autos fuhren.

Hinter der Mauer habe ich eine große bunte Welt entdeckt.

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