Warum ich nicht vom Hochgrat zum Mittagberg wanderte

Das erste Wort zum Projekt txt heißt Gratwanderung – ich las
das Wort und dachte spontan an Hochgrat und Mittagberg und den Grat der beide
verbindet.
Doch was soll ich darüber schreiben? 
Diesen schmalen Pfad auf der
Nagelfluhkette bin ich ja nicht gegangen, habe gekniffen!
Es geschah zu einer Zeit, da meine alpinen Wander-Erfahrungen
noch sehr beschränkt waren. Wir machten Urlaub am Bodensee, haben die “Drei-tausender-Tour” auf dem Pfänderrücken absolviert und wollten noch mehr wandern.
Da war dieses Prospekt, das den Mittag als „Berg zum
Verlieben“ bewarb, über den Aussichtsberg Hochgrat schwärmte und die Nagelfluh-Gratwanderung
beschrieb. Für die als anspruchsvoll angekündigte Tour, könne man sich sogar
mit einem Abzeichen belohnen.
Na, das wär doch eine Wanderung für uns!

Sieben Stunden Gehzeit sollten wir einplanen und möglichst
früh aufbrechen. So wollten wir mit der ersten Seilbahn auf den Hochgrat hinauf
fahren. Doch, es kam anders, das Frühstück dauerte etwas länger, die Fahrt nach
Steibis bei Oberstaufen zog sich hin. Ehe wir endlich das Auto an der
Talstation der Hochgratbahn geparkt hatten, die Fahrkarten gekauft und auf dem
Berg aus der Gondel stiegen war es beinahe zehn Uhr.

Damit wir am Mittagberg das verdiente Abzeichen kaufen
konnten, war ein Stempel im Wanderpass nötig. Die freundliche Dame am Kassenhäuschen
blickte erstaunt auf: „Na, für diese Tour seit ihr seit ihr aber spät dran“.
Erste Zweifel bleiben unausgesprochen.
Die Bergstation liegt auf 1708 Metern, wir waren dem blauen
Sommerhimmel ganz nah, die Welt lag uns zu Füßen. Weit entfernt schienen Hocher
Ifen, Säntis und Zugspitze viel kleiner. Das Gipfelkreuz des Hochgrates liegt auf
1832 Metern und ist das erste Zwischenziel der Gratwanderung.
Schon am ersten Wegweiser warnt ein Schild zur Vorsicht. Ich
fühle mich unwohl auf dem schmalen Grat, links und rechts des Pfades geht es
abwärts, keine schützende Felswand an die ich mich lehnen könnte. Nur ein
Drahtseil sicherte den Weg, inzwischen, so lese ich, gibt es auch einen
gefahrlosen Treppenweg mit 230 Stufen.
Wieder ein Warnschild: Ab hier Trittsicherheit und Schwindelfreiheit
nötig! Mir zitterten jetzt schon die Knie! Was wenn ich an einer aussetzten
Stelle Panik bekomme oder am Klettersteig nicht weiter kann? Bringe ich nicht
die anderen unnötig in Gefahr? Schweren Herzens schickte ich die Kameraden
allein weiter.

In den Jahren danach habe ich noch so manches mal mit meiner Höhenangst gerungen. Bin auf schmalem Grat gewandert, über wenige Zentimeter breite
Stege gegangen und habe sogar kurze Klettersteige bezwungen.
Damals, jedoch, am Hochgrat war ich noch nicht so weit.

Ich bedauere aber bereue nicht.

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